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Der Verdeckte
Eine indianische Legende

(The Hidden One: A Native American Legend)

Told by Aaron Shepard
Translated by Jeff Hollingshead

German Version

English version printed in Australia’s School Magazine, Sept. 1996, and Cricket, Oct. 1998


For more treats and resources, visit Aaron Shepard at
www.aaronshep.com

Copyright © 1996 by Aaron Shepard. Translation copyright © 2011 by Jeff Hollingshead. May not be published or posted without permission.

PREVIEW: The invisible hunter at the end of the village is sought as husband by every village maiden—but will Little Scarface even dare to try?

GENRE: Folktales, Cinderella tales
CULTURE: Native American, Canadian
THEME: Self-esteem, heroines
 
AGES: 7 and up
LENGTH: 1150 words

Aaron’s Extras
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Vor langer Zeit, in einem Dorf an einem See, lebte ein begabter Jäger, der unsichtlich war. Er hieß Der Verdeckte. Es war bekannt, dass jene junge Frau, die ihn sehen könnte, seine Braut werden würde.

Viele hoffnungsvolle junge Frauen besuchten seinen Wigwam, der sich am anderen Ende des Dorfes befand. Jede wurde von der Schwester des Jägers geprüft, sie hieß Die Geduldige. Die Jahre vergingen, aber keine der Besucherinnen hatte Erfolg.

Im gleichen Dorf lebten zwei Schwestern, deren Mutter gestorben war. Die jüngere Schwester hatte ein gutes Herz, die ältere aber war eifersüchtig und gemein. Während der Vater auf der Jagd war, quälte die ältere Schwester die jüngere, hielt sie fest und verbrannte ihre Arme und ihr Gesicht mit Holzstücken aus dem Feuer.

„Wag es nicht, unserem Vater davon zu erzählen“, sagte sie immer, „oder das nächste Mal wird es dir schlimmer gehen!“

Als der Vater zu Hause kam, fragte er erschrocken: „Warum ist sie wieder verbrannt?“

Die ältere Schwester antwortete: „Das dumme, ungeschickte Ding! Sie hat wieder mit dem Feuer gespielt – genau was du ihr gesagt hast, nicht zu tun!“

Der Vater wandte sich zur Jüngeren: „Ist das wahr?“

Doch sie biss sich nur auf die Lippen uns sagte nichts.

Nach einer Weile hatte sie so viele Narben, dass viele sie Kleines Narbengesicht nannten. Sie verlor auch ihre langen Zöpfe, nachdem ihre Schwester sie versengte. Und sie musste barfuss laufen und Lumpen tragen, denn ihre Schwester erlaubte ihr nicht, aus Leder Mokassins oder neue Kleider zu machen.

Natürlich, die Schwester dachte sich alle Arten von Begründungen aus, die sie dem Vater sagen würde. Und er würde seinen Kopf schütteln, traurig und enttäuscht.

Eines Tages zog die ältere Schwester ihre feinsten Kleider an und trug viele glänzende Ketten aus Perlmuscheln.

„Weißt du, was ich mache?“ fragte sie Kleines Narbengesicht. „Ich werde den Verdeckten heiraten. Von so etwas könntest du natürlich nicht einmal träumen.“

Kleines Narbengesicht ließ den Kopf hängen.

Als die ältere Schwester den Wigwam am anderen Ende des Dorfes erreichte, wurde sie von der Schwester des Jägers begrüßt.

„Willkommen“, sagte Die Geduldige. „Mein Bruder wird bald von der Jagd zurück sein. Komm, hilf mir beim Vorbereiten des Abendessens.“

Die zwei arbeiteten eine Weile zusammen, fast bis zum Sonnenuntergang. Dann führte Die Geduldige die junge Frau zum Ufer des Sees.

„Mein Bruder kommt“, sagte Die Geduldige und deutete dem Ufer entlang. „Siehst du ihn?“

Die junge Frau sah niemanden, aber sie hatte sich entschlossen zu heucheln. „Natürlich. Dort ist er jetzt!“

Die Geduldige verengte die Augen. „Und was für einen Schulterriemen trägt er?“

„Ein Band aus ungegerbtem Leder“, sagte die junge Frau, da sie es für eine sichere Schätzung hielt.

Die Geduldige runzelte die Stirn. „Gehen wir zurück in den Wigwam.“

Sie waren gerade mit dem Essen fertig, als eine tiefe Stimme sprach: „Sei gegrüßt, meine Schwester.“

Die junge Frau sprang überrascht auf. Sie starrte zum Eingang, sah aber niemanden.

„Sei gegrüßt, mein Bruder“, antwortete Die Geduldige.

Während die junge Frau noch große Augen machte, wurde mitten in der Luft ein Mokassin sichtbar und fiel zu Boden, gefolgt von einem zweiten. Gleich danach wurden Essensteile, die sich auf einem Servierbrett aus Birkenrinde in der Nähe des Feuers befanden, aufgehoben und verschwanden in einen unsichtbaren Mund.

Die junge Frau wandte sich zu Die Geduldige. „Wann findet unsere Hochzeit statt?“

Die Geduldige drehte sich ärgerlich zu ihr. „Welche Hochzeit? Glaubst du, mein Bruder würde eine Lügnerin und einen Dummkopf heiraten?“

Die junge Frau rannte weinend aus dem Wigwam.

Am nächsten Morgen blieb sie in Bett und weinte. Dann kam Kleines Narbengesicht auf sie zu.

„Schwester, gib mir Leder, damit ich Mokassins und neue Kleider machen kann. Ich bin an der Reihe, den Verdeckten zu besuchen.“

„Was erlaubst du dir!“ schrie die Schwester. Sie sprang auf und ohrfeigte Kleines Narbengesicht, sodass sie zu Boden fiel. „Bist du so dumm zu glauben, dass du schaffen kannst, was ich nicht konnte? Selbst wenn du ihn sehen könntest, glaubst du, er würde ein so armseliges Mädchen wie dich heiraten?“

Sie sank wieder ins Bett und weinte.

Kleines Narbengesicht saß lange zusammengekauert da und hörte, wie ihre Schwester weinte und schluchzte. Dann erhob sie sich und sagte wieder, „Ich bin an der Reihe, den Verdeckten zu besuchen.“

Ihre Schwester hörte auf zu weinen und blickte mit Erstaunen.

Kleines Narbengesicht ging zur Truhe ihres Vaters und nahm ein altes Paar Mokassins heraus. Sie schlüpfte mit ihren kleinen Füßen hinein.

Dann ging sie in den Wald, wo sie eine Birke auswählte und sorgfältig die Baumrinde in einem einzelnen Stück abstreifte. Daraus machte sie sich Kleider, welche sie anstelle ihrer Lumpen anzog.

Dann ging sie durch das Dorf zurück.

„Seht euch Kleines Narbengesicht an!“ schrie ein Junge. „Sie sieht wie ein Baum aus!“

„Hallo, Kleines Narbengesicht“, rief ein junger Mann, „sind die Mokassins groß genug für dich?“

„Ich kann es nicht glauben!“ sagt eine alte Frau. „Sie ist unterwegs zum Verdeckten!“

„Kleines Narbengesicht“, rief eine junge Frau, „hast du dich verbrannt und deine Haare geschnitten, damit du für ihn schön aussiehst?“

Kleines Narbengesicht ignorierte ihre höhnische Bemerkungen und ihr Gelächter und ging weiter bis sie den Wigwam am anderen Ende des Dorfes erreichte.

Die Geduldige blickte überrascht auf die junge Frau, sagte aber zu ihr, „Sei willkommen.“

Kleines Narbengesicht half dabei, das Abendessen vorzubereiten. Als die Sonne fast untergegangen war, führte die Geduldige sie zum See.

„Mein Bruder kommt“, sagte Die Geduldige zu ihr. „Siehst du ihn?“

Kleines Narbengesicht blickte dem Ufer entlang. „Ich bin mir nicht sicher ...“

Dann erstrahlten ihre Augen. „Ja, ich sehe ihn! Aber wie kann so jemand existieren?“

Die Geduldige schaute sie neugierig an. „Woraus ist sein Schultergurt?“

„Sein Schultergurt ist ... ist der Regenbogen!“

Die Augen von Die Geduldige erweiterten sich. „Und die Sehne seinen Bogens?“

„Die Sehne seines Bogens ist ... die Milchstraße!“

Die Geduldige lächelte. „Gehen wir zurück.“

Als sie den Wigwam erreichten, zog Die Geduldige die seltsamen Kleider von Kleines Narbengesicht aus und wusch die junge Frau mit Wasser aus einem besonderen Gefäß. Die Narben verschwanden und ihre Haut war glänzend und glatt. Ein Zauberkamm ließ die Haare der jungen Frau schnell bis zu ihrer Taille wachsen und waren bereit zum Zöpfen.

Dann öffnete Die Geduldige eine Truhe und nahm ein schönes Hochzeitskleid heraus. Gleich nachdem Kleines Narbengesicht es angezogen hatte, sprach eine tiefe Stimme, „Sei gegrüßt, meine Schwester.“

Kleines Narbengesicht drehte sich zum Eingang und starrte auf den prächtigen, jungen Jäger. Als sich ihre Blicke trafen, sah sie die Überraschung in seinen Augen.

„Sei gegrüßt, mein Bruder“, sagte Die Geduldige. „Du bist entdeckt!“

Der Verdeckte ging auf Kleines Narbengesicht zu und nahm ihre Hände in seine. „Jahren habe ich gewartet, um eine Frau zu finden, die ein reines Herz und einen tapferen Geist hat. Nur so eine könnte mich sehen. Und jetzt sollst du meine Braut sein.“

Dann heirateten sie. Und von da an hatte Kleines Narbengesicht einen neuen Namen – Die Schöne. Auch sie war verdeckt gewesen, doch jetzt war nichts mehr verdeckt.


About the Story

This tale was popular in many Native American tribes with languages in the Algonquian family. The variant here comes from the Mi’kmaq (or Micmac) tribe of Nova Scotia, New Brunswick, and Prince Edward Island, Canada. It was recorded in Nova Scotia.

The sources for my retelling were Legends of the Micmacs, by Silas Rand, Longmans, New York and London, 1894; and The Algonquin Legends of New England, by Charles Leland, Houghton Mifflin, Boston, 1884. (Rand’s manuscript, though published later, was the basis for Leland’s version.) Background on the Micmacs came from The Micmac Indians of Eastern Canada, by Wilson and Ruth Wallis, University of Minnesota, Minneapolis, 1955.